HINTERGRUND

Wohnumfeld als ein eigenständiger Einflussfaktor auf Kindergesundheit

Kinder in Deutschland haben ungleiche Bildungs-und Gesundheitschancen. Zahlreiche Studien belegen deren Abhängigkeit vom elterlichen Sozial- und Gesundheitsstatus. Doch neben den familiären Rahmenbedingungen werden Kinder und Jugendliche in ihrem Verhalten, ihren Ernährungsgewohnheiten und ihren körperlichen Aktivitäten durch ihr Wohnumfeld geprägt. Soziale und bauliche Merkmale wie der sozioökonomische Status des Stadtteils, die Besiedlungsdichte und Bebauungsart, das Angebot an Grün- und Spielflächen, die Fußgängerfreundlichkeit und die Lebensmittelverfügbarkeit wirken sich so direkt auf die gesundheitliche Entwicklung aus.

Werden Kinder durch ein Wohnquartier mit vielen „adipogenen“ Merkmalen benachteiligt, verstärken sich ihre gesundheitlichen Risiken. Besonders sichtbar werden diese durch hohe Auffälligkeitsraten bei ausgewählten Parametern der Kindergesundheit wie z.B. Adipositas (Übergewicht) oder der Entwicklung motorischer Fertigkeiten (→ Evaluation). So haben Wissenschaftler bereits herausgefunden, dass Kinder unabhängig vom sozioökonomischen Status der Eltern in „gehobeneren“ Vierteln ein geringeres Risiko haben übergewichtig zu werden.

Weil im Umkehrschluss ein attraktiv gestaltetes Lebensumfeld und gesundheitsförderliche Strukturen im Stadtteil positiv wirken, will GRÜNAU BEWEGT sich mit quartiersspezifischen Anreizen wie altersgerechten Bewegungsangeboten im öffentlichen Raum und der Stärkung von Gesundheitskompetenzen in Kindergärten und Schulen die Entwicklungschancen von Kindern in Grünau nachhaltig verbessern.

Gesellschaftlicher Auftrag

Mit §20 des Präventionsgesetzes (PrävG) räumt der Gesetzgeber den Krankenkassen die Möglichkeit ein, Modellvorhaben zur Gesundheitsförderung im kommunalen Setting nach allgemein anerkannten wissenschaftlichen Standards durchzuführen. Dieser im Präventionsgesetz verankerte Auftrag eines messbaren Projekterfolges soll langfristig zu mehr Qualität und Effizienz in der Gesundheitsförderung führen. Langfristiges Ziel ist es, durch die Modellvorhaben einen passenden Rahmen zur Erprobung neuer verhältnispräventiver Ansätze bereitstellen zu können.

Schon vor dem PrävG haben Krankenkassen eine Vielzahl von Aktivitäten in Settings angestoßen und finanziert. Darunter auch GRÜNAU BEWEGT sich. Das Praxis-Forschungsprojekt erbringt den wissenschaftlichen Nachweis der Wirksamkeit gesundheitsförderlicher Interventionen und positioniert sich damit als Modellvorhaben der kommunalen Gesundheitsförderung gemäß PrävG.

Gesundheitsförderung in Lebenswelten – der Setting-Ansatz

Der Setting-Ansatz kombiniert verhaltens- und verhältnispräventive Maßnahmen und gilt als einer der vielversprechendsten Ansätze der Gesundheitsförderung. Die Idee dahinter: Menschen sollen dort eine Verbesserung ihrer Lebensumstände erfahren und aktiv mitgestalten können, wo sie sich am häufigsten aufhalten: in ihrem Setting, dem Ort, in dem Gesundheit „von den Menschen in ihrer alltäglichen Umwelt geschaffen und gelebt wird, dort wo sie spielen, lernen, arbeiten und lieben“ (WHO, Ottawa-Charta, 1986).

Der Setting-Ansatz umgeht damit das sogenannte „Präventionsdilemma“, nach dem sozial benachteiligte Personengruppe Maßnahmen und Angebote der Gesundheitsförderung meist seltener in Anspruch nehmen als soziale Gruppen der Mittelschicht. Mehr noch: selbst wenn sie daran teilnehmen, profitieren sie weniger davon – sei es aufgrund von Zugangsbarrieren oder weil die Maßnahme schlicht ihre Bedürfnisse verfehlt.

Städtisches Handlungsgebiet

Rahmenbedingungen für Eltern und Kindern so zu gestalten, dass ungleiche Ausgangssituationen nicht zu einer gesundheitlichen Benachteiligung von Kindern führen, ist eine kommunale Zukunftsaufgabe, deren Verantwortung sich die Stadt Leipzig stellt. Nur durch gemeinsames Wirken von Politik, Verwaltung und Bürgern, mit stadtteilspezifisch wirksamen Initiativen wie dem bundesweiten Städtebauförderungsprogramm „Soziale Stadt“ und mit stadtteilbezogenen Projekten wie GRÜNAU BEWEGT sich können Stadtgebiete wie Grünau so in den Fokus gerückt werden, dass die dort lebenden Kinder und Jugendlichen in ihrer Entwicklung unterstützt werden.